Wir hier oben

Das Selbstbewusstsein der Norddeutschen - mit Ausnahme der Hanseaten - ist nicht durchgängig gut. Wirtschaftliche Kompetenz wird meist dem Südwesten Deutschlands zugesprochen. Wir hier oben sind eher gut für „Randlage“, für grüne Wiesen, Kühe und saubere Luft. Wenn wir was vorzuzeigen haben, wird es eher nebenbei erwähnt. Protestantische Bescheidenheit oder Unwissenheit?

In der Schule hätte es geheißen „Thema verfehlt“. Da haben wir eine Finanzkrise, überall auf der Welt brechen die Finanzierungskonzepte für den Schiffbau zusammen, Aufträge werden wegen nicht eingehaltener Finanzierungszusagen annulliert, die Thyssen-Krupp Werften in Kiel (HDW Gaarden) und die TKMS Blohm+Voss Nordseewerke in Emden müssen sogar die Weiterarbeit an vier in Bau befindlichen Containerschiffe stoppen. Wir berichten über die Erfolgsstory der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft FSG.

Fragt man in Flensburg auf der Straße nach der „Werft“, so gibt es keinen Effekt wie in Papenburg mit der Meyer-Werft. Jeder Papenburger kennt, und jeder Papenburger weiß um die Bedeutung dieses Welt-Players für den Bau von Kreuzfahrtschiffen. In Flensburg kann es durchaus passieren, dass jemand sagt „Werft? keine Ahnung, ...ja, ich glaub die bauen Fähren oder so...“

Was hier mit „Fähren oder so“ umschrieben wird, bedeutet Weltmarktführerschaft. Seit 1998 konnte die FSG die Aufträge für 47 große Fähren akquirieren und gilt weltweit als anerkannter Spezialist für RoRo- und ConRo Fähren, d.h. es geht im wesentlichen um den Transport von Sattelzügen bzw. Container-Trucks. Roll on and Roll off. Dafür braucht man schwimmende Fahrbahnen, die in Lanemeters (lanem) gemessen werden. Im Vergleich mit den führenden Herstellern liegt Flensburg im internationalen Vergleich seit 2004 mit fast 100.000 lanem weit vorne. Mitbewerber Hyundai Mipo folgt mit ca. 40.000, dann die Jinling Shipyard mit ca. 34.000. Es folgt die dänische Odensee Werft mit ca. 30.000 lanem. Sie baut im wesentlichen Lizenz-Bauten der „Flensburger“.
Dieser Vergleich betrifft die Menge. Aber Größe und Menge waren noch nie Kriterium für Qualität. Wir kennen es aus dem Automobilbau: Wer zufrieden ist, wechselt nicht die Marke. Die türkische Reederei U.N hat gerade ihre 13. RoRo-Fähre erhalten, die auf der Strecke Istanbul-Triest eingesetzt wird. 16 Schiffe stehen aktuell in den Auftragsbüchern, davon 6 ConRo-Schiffe für die belgische Reederei Cobelfret N.V.. Die FSG lieferte auch die drei weltgrößten „Vorwärts-Rückwärts-Schiffe“, also Doppelend-Fähren, die jetzt an der kanadischen Westküste laufen. Warum diese Nachfrage? Ganz einfach. Mehr noch als im Automobilbau berechnen sich die Kosten für ein Schiff im wesentlichen über den jahrzehntelangen Betrieb. Vereinfacht gesagt, ein Reeder fragt nicht nur was das Schiff beim Kauf kostet, sondern wieviel die Maschinen über Jahre des Schiffsbetriebs verbrauchen und wie oft gemalt werden muss. Wenn die Kanten der Stahlplatten gefast sind, hält die Farbe länger. Wenn der Rumpf stömungstechnisch absolut optimiert wird, kann man die gleiche Geschwindigkeit mit einer kleineren Maschine und weniger Verbrauch erreichen. Optimierung heißt das Stichwort, und als führend wird die Werft hier im weltweiten Vergleich eingestuft. Leider nicht nur führend, sondern auch oft kopiert. Wie heißt es in Fernost: „Die Kopie ehrt das Original“ (freut aber nicht immer das Original). Die führende Fachzeitschrift ShipPax DESIGN 08 widmete ihr letztes Heft der FSG. Auf über 70 Seiten Seiten werden die Leistungen der „Flensburger“ dargestellt und hochgelobt: „Klare Ausrichtung auf die Wünsche der Auftraggeber, intelligentes Design mit den besten Planungs- und Simulationstechniken sowie ein brilliantes Team, immer der Suche nach der besten Lösung verpflichtet.“

Eine schwimmende Ikone

Die letzte Präsentation der FSG hat auf der SMM Schiffbau-Messe in Hamburg für Furore gesorgt. Man kennt die Strategie aus der Automobilbranche. Es werden „Modell-Studien“ gezeigt, um zu demonstrieren, wo es langgehen kann, und dass man in der Entwicklung ganz vorne mitspielt. Der von der FSG präsentierte Entwurf verschlug den Fachleuten dann auch die Sprache. Ein wahrer Eye-Catcher, den der Weltmarktführer FSG hier in einer beeindruckenden Animation vorstellte. ICON heißt der entwickelte Typ, und genau das ist er. Eine schwimmende Ikone, ein LOGO sozusagen, sofort erkennbar. Wiedererkennbar wie das Guggenheim-Museum von Frank Gehry in Bilbao, oder das berühmte Burj-al Arab Hotel in Dubai. Schiffe sind eben heute nicht mehr nur Transportmittel. Auch Reeder wollen vorzeigbare Schiffe haben, Schiffe über deren Leistung und Design man spricht. Schiffe, die wahrgenommen werden. Dabei geht es natürlich auch um den vielzitierten Me-too-Effekt. „Auch haben wollen“. Auch mal mitgefahren sein wollen. Auch sagen können: „Ja, kenn ich, war ich auch schon drauf!“

In Bezug auf die technische Leistung gab es bei dem Namen „Flensburger“ im internationalen Wettbewerb sowieso keine Diskussion, aber das Vorpreschen im Design-Bereich war überraschend und wurde entsprechend aufgenommen. Ein echtes vorausdenkendes „Future-Konzept“. Zukunftsfähigkeit fällt eben nicht in den Schoß, sie will erarbeitet sein.
Auf der FSG gibt man sich wegen des Erfolges gelassen und ohne jede Überheblichkeit. Der Konkurrenzkampf ist hart. Es geht nicht nur um die Anzahl produzierter Schiffe und gelieferter „lane-meters“, sondern um den permanenten Erhalt von Qualität. Es geht um den Stahlpreis ebenso wie um Finanzierungskonzepte. Es geht um Preis/Leistung. Eben darum ist Führerschaft auch ständig gefährdet, denn sie wird auf jeder Ebene entschieden. Bei den Konstrukteuren ebenso wie bei den Schweißern, und bei den Elektrikern ebenso wie bei den Malern. Sie alle haben dafür gesorgt, dass man in der internationalen maritimen Branche nicht nur den BigMac-„Hamburger“ kennt, sondern auch den Top-„Flensburger“. Was das mit dem norddeutschen Image von grünen Wiesen und sauberer Luft zu tun hat? Die Fahrbahnen sind grün und die Fähren holen die schweren Trucks von der Straße und sorgen mit kleineren Maschinen zusätzlich für bessere Luft. Jetzt muss nur international noch die Sache mit dem Schwefel im Schweröl geklärt werden. Aber den Flensburgern ist das zuzutrauen. Optimierung ist alles.

Rainer Prüss